Verständlichkeit ist Wertschätzung!

August 30, 2021 SGuenther No comments exist

Ich musste wegen meiner Schulter ins MRT. Wenige Tage später bekam ich einen schicken Diagnosebrief, der in Kopie auch an den behandelnden Facharzt ging. 

Demnach habe ich unter anderem einen lateralen Down Slope des Akromions. Neben einer Dekonfiguration des Humeruskopfes und ossärer Reizung im Glenoid mit Geröllzysten wurde mir außerdem noch bescheinigt, dass meine Supraspinatussehne Signalinhomogenitäten sowie Kalzifikationen im Insertionsgebiet aufweist. Auch um mein inferiores Labrum steht es wohl nicht besonders gut. 

Ich war beeindruckt. Wenige Wochen später, beim Schulterspezialisten, sprach ich diesen darauf an, dass der Laie, sprich Patient, diese Kommunikation offenbar gar nicht verstehen solle. Naja, so seine Antwort, man könne ja mit dem behandelnden Arzt darüber reden, der würde einem dann schon alles erklären, was man selbst nicht versteht. 

Dies warf bei mir die Frage auf: Hätte er, der Spezialist, es wohl nicht mehr verstanden, wenn der Bericht in handelsüblichem Deutsch geschrieben worden wäre? Wenn zum Beispiel aus „progredient“ voranschreitend, aus einer „Ruptur“ ein Riss und aus meiner „Bursitis subdeltoidea“ eine ganz profane Schleimbeutelentzündung geworden wäre? 

Und, so fragte ich mich als Nächstes, um wen ging es hier eigentlich? Wer ist hier der Patient, also sozusagen der Kunde? – Ich! 
Ging es, zweitens, etwa nur um einen Informationsaustausch zwischen zwei Experten, wie auf einem Fachkongress? Wer stand denn im Adressfeld des Briefes? – Ich! (Dort stand sogar in der ersten Zeile: „Nachfolgend berichten wir über Ihre (!) unten genannte Untersuchung“.)
Und, drittens, wer bezahlt denn sowohl den Radiologen mit seinem schicken MRT als auch den Schulterspezialisten-Sportmediziner? – Schon wieder ich!

Jede Kaffeemaschine und jeder Saugroboter kommt heute mit einer Bedienungsanleitung in mindestens 8 bis 10 Sprachen. Google, deepl und andere bieten uns vorzügliche Übersetzungsprogramme an. Warum macht man sich hier nicht die Mühe einer Übersetzung „Arzt – Patient“? 

Wie würden diese Ärzte wohl reagieren, gingen sie in ein chinesisches Restaurant und die Speisekarte für sie, die zahlenden Gäste, wäre ausschließlich auf Chinesisch? 
Was würden sie denken, interessierten sie sich für ein französisches Auto und Katalog, Zubehörliste und Konfigurator würden ihnen nur Französisch als Sprache anbieten? 

Dies ist kein Artikel gegen Ärzte! Das Beispiel könnte auch aus der IT- oder einer anderen Branche stammen. Es ist ein Plädoyer für Verständlichkeit als Zeichen von Wertschätzung. 

Unverständliche Sprache ist mithin zumindest unhöflich, eine Missachtung des Adressaten. Zumal, wenn diese in vollem Bewusstsein verwendet wird. 
Der Empfänger hat das Recht, auch ohne Fachstudium, eigene Analysen oder Übersetzungsprogramme zu verstehen, was der Sender ihm mitteilt. 

Daher meine Bitte, ja mein Appell: Egal, in welchem Beruf Sie arbeiten, in welcher Rolle Sie Menschen gegenübertreten, erst recht aber als jemand, der Führung und Kompetenz für sich beansprucht: Sprechen Sie so, dass Ihr Gegenüber Sie versteht! Immer! – Danke!

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